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Berufe für Hochsensible: »Die Hochsensibilität ist wirklich eine Superkraft, da sie mit ganz vielen besonderen Stärken und Fähigkeiten einhergeht.«

Hochsensiblen Personen fällt die Entscheidung für einen Karriereweg oft besonders schwer: Auf der einen Seite steht das tiefe Bedürfnis, die eigenen Werte im Beruf zu leben - auf der anderen Seite droht eine schnelle Überlastung, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen. Und dies ist nur eines von vielen Spannungsfeldern. Wir haben uns deshalb mit Lore Sülwald unterhalten. Die Coachin und Expertin für Hochsensibilität verrät uns im Interview, worauf du als hochsensibler Mensch bei der Berufswahl achten solltest und was dir dabei helfen kann, deine Berufung zu finden.

Für alle, die lieber lesen als hören:

Liebe Lore, lass uns doch zum Einstieg kurz erklären, was Hochsensibilität ist und warum vielen hochsensiblen Personen die Entscheidung für einen Beruf schwerfällt?

Lore Sülwald: In der Diskussion, was Hochsensibilität ist, kommt auch immer die Frage auf: »Ist denn nicht jeder sensibel?« Und das stimmt, jeder Mensch ist sensibel und Sensibilität bedeutet einfach die Fähigkeit, die Umgebung wahrzunehmen und diese Wahrnehmung zu verarbeiten. Das ist eine grundlegende Anpassungsleistung aller Menschen.

Aber man hat herausgefunden, dass es verschiedene Stufen gibt, und neueste Studien gehen davon aus, dass sich ungefähr 40 Prozent der Menschen in einem mittleren Sensibilitätsspektrum befinden, 30 Prozent im niedrigen Sensibilitätsspektrum und tatsächlich ganze 30 Prozent in einem hohen Sensibilitätsspektrum. Früher ist man von niedrigeren Zahlen ausgegangen und hat gedacht, es gibt da so einen Cut, ab dem ist man hochsensibel. Jetzt hat man herausgefunden, dass es eine gleichmäßige Verteilung innerhalb dieses Spektrums gibt. Es gibt Menschen, die sind eher in einem Spektrum der mittleren Sensibilität, die sind dann nicht ganz so empfindsam wie andere, die in einem hohen Spektrum der Sensibilität sind. Es gibt verschiedene Sensibilitäten und das ist auch bei jedem Menschen verschieden stark ausgeprägt, auch bei hochsensiblen Menschen. Aber was hochsensible Menschen tatsächlich vereinigt, ist eine höhere Wahrnehmung der Umgebung, eine tiefere und komplexere Verarbeitung der Eindrücke, sehr hohe Empathie und ein Bewusstsein für Feinheiten. Und was dann oft negativ empfunden wird, ist eben auch eine schnellere Überstimulation und dadurch ein erhöhtes Stresslevel.

Eine hohe Empathie würde hochsensible Personen auf der einen Seite für soziale Berufe prädestinieren. Auf der anderen Seite tendieren Hochsensible dazu, schneller gestresst zu sein. Wie siehst du das in Bezug auf die Berufswahl?

Lore: Da ist es spannend, sich die verschiedenen Sensibilitäten anzuschauen. Es gibt einmal die körperliche Sensibilität, das heißt, dass viele hochsensible Menschen sehr intensiv auf äußere Reize reagieren. Wie zum Beispiel im Großraumbüro, die ganzen Geräusche: Kolleg*innen, die telefonieren, das Telefonklingeln, Musik. Dann gibt es die emotionale Sensibilität, das heißt, die ganzen Stimmungen und Emotionen der Kolleg*innen werden stark wahrgenommen. Oder die soziale Sensibilität: Das bedeutet, sehr feine Antennen dafür zu haben, wie alle miteinander in Beziehung stehen. Und es gibt das, was man das komplexe Bewusstsein nennt, also einfach große Zusammenhänge zu verstehen, in einem Team sehr schnell Probleme zu erkennen, vorausschauend in die Zukunft zu sehen. Und eine sehr hohe Wertesensibilität. Werte sind für alle Menschen wichtig, aber hochsensible Menschen kann das wirklich krank machen, wenn ihre Werte im Beruf nicht gelebt werden.

Auf diesen ganzen verschiedenen Ebenen braucht es immer eine Balance, es kommt darauf an: Wo bin ich sensibler? Wenn ich körperlich extrem sensibel bin, dann ist das Home Office wahrscheinlich besser für mich oder die eigene Praxis, die Umgebung spielt also eine ganz wichtige Rolle für das Wohlbefinden. Aber auch wenn die Werte nicht miteinander übereinstimmen oder es eine schlechte Atmosphäre im Kollegium gibt, das kann alles dazu führen, dass man sich bei seiner Arbeit nicht wohlfühlt. Und das ist erstmal eine wichtige Grundlage, um zu erkennen, bin ich vielleicht im richtigen Beruf, weil die Tätigkeit meinen Talenten entspricht, aber das Umfeld ist nicht stimmig? Und das ist tatsächlich oft ein Konflikt, in dem sich hochsensible Menschen befinden. Sie sagen: »Ich arbeite im NGO-Bereich und das ist ganz toll, aber ich verausgabe mich da zu sehr.« Sie achten nicht richtig auf ihre Balance, weil sie so sehr für ihre Werte losgehen. Oder die Führungsebene oder das Team harmoniert nicht. Oder sie sagen: »Ich habe so viele Talente und ich weiß gar nicht so richtig, wo mein Ort ist.« Das sind alles Spannungsverhältnisse. Durch diese hohe emotionale und soziale Sensibilität, zum Beispiel wenn jemand als Physiotherapeut*in oder Osteopath*in arbeitet, dann sagen sie manchmal: »Ich bin sehr gut in meinem Beruf, aber das laugt mich auch stark aus, also ich brauche sehr viel Regenerationszeit.« Und das ist mit der hohen Sensibilität verbunden, dass man genug Pausen braucht, genug Rückzug, um diese ganzen Reize verarbeiten zu können, zu analysieren und in Beziehung setzen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Frau hält sich zwei Hände vor das Gesicht und schlägt gleichzeitig zwei weitere Hände über dem Kopf zusammen

Wie hilfst du deinen Klient*innen, mit ihrer Sensibilität im Beruf umzugehen und ihre Berufung zu finden?

Lore: Bei mir steht oft die Biografiearbeit im Vordergrund. Ich arbeite ressourcenorientiert, so dass jede*r mit der eigenen Kraft und den eigenen Ressourcen in Kontakt kommt. Dann geht es darum, das genau zu analysieren: Wo drückt denn der Schuh genau? Es kann sein, dass die Tätigkeit an sich nicht ausfüllend ist, das ist das Berufungsthema. Oder dass das Umfeld nicht passt. Oder auch, dass mit den Kolleg*innen oder mit den Vorgesetzten die Kommunikation nicht funktioniert. Dann geht es darum, die eigenen Stärken oder die eigene Arbeitsweise zu erkennen und die dann positiv zu kommunizieren. Ein Beispiel: Eine Klientin hatte das Problem, dass ihre Chefin immer zu ihrem Schreibtisch kam und ganz schnell irgendwas von ihr haben wollte. Und das hat sie gestresst. Sie hat sich dann immer inkompetent gefühlt. Wir haben analysiert, dass sie ganz auf eine Sache konzentriert ist und so schnell nicht umschalten kann. Wir haben erarbeitet, dass sie dann sagt: »Ich bin gerade hier in dieser Arbeit, ich schaue mir das an, ich komme gleich auf dich zurück und gebe dir dann die Information.« Also so, dass sie nicht mehr gestresst ist im Umgang mit ihrer Chefin.

Es gibt so viele Strategien, wie es Menschen gibt, das ist eine ganz individuelle Sache. Für das Großraumbüro gibt es zum Beispiel auch diese Noise-Cancelling-Kopfhörer. Aber manchmal ist auch der Arbeitsplatz nicht richtig. Dann muss man sich einen anderen Arbeitsplatz suchen, allerdings mit dem Wissen, unter welchen Bedingungen man leistungsstark arbeiten kann, um aus diesem Gefühl rauszukommen, dass man nicht belastbar genug wäre. Die meisten haben das Gefühl, schnell gestresst zu sein und viele Pausen zu brauchen. Es geht darum, einen gesunden Blick auf die eigene Kraft zu entwickeln, denn hochsensible Menschen haben unglaublich viel Energie und sind sehr leistungsstark, aber brauchen eben an anderen Stellen Pausen, Rückzug oder ein anderes Arbeitsumfeld.

Mann steht zusammengekauert mit Blick nach unten vor einer Tafel. Auf der Tafel sind zu seinen beiden Seiten zwei muskulöse Arme aufgemalt.

Ein anderes Beispiel: Eine Texterin kann nicht schnell einfach irgendwelche Texte produzieren, aber das, was sie macht, ist sehr genau und das muss nicht mehr verbessert werden. So etwas kann man schon im Vorstellungsgespräch kommunizieren. So kann der*die Vorgesetzte das Team entsprechend strukturieren und wenn dann doch mal schnelle Sachen kommen, kann man damit auch umgehen. Aber die grundlegende Position sollte zu den eigenen Stärken passen.

Beim Thema Berufung habe ich auch oft Menschen da, die vielbegabt sind, die viele verschiedene Erfahrungen gemacht haben. Ich kenne das auch aus meinem eigenen Lebenslauf, sehr breit aufgestellt zu sein. Das geht häufig mit dem Gefühl einher: Ich kann so viel, aber irgendwie gar nichts richtig und wo ist eigentlich mein Platz? Und da schauen wir wieder biografisch: Was war eigentlich die Entscheidung für diesen Beruf oder für dieses Studium? Welche Aspekte daran magst du besonders gern? Was passt gut zu dir? Unter welchen Bedingungen hat das viel Freude gemacht? Vielleicht war der Beruf eigentlich gar nicht so schlecht, aber die Bedingungen haben nicht gepasst. Von dort aus arbeiten wir uns zur Berufung hin – sie kann zum Beispiel eine besondere Fähigkeit sein, für die man nur noch den passenden Rahmen suchen muss. Es ist auch möglich, nochmal eine Weiterbildung zu machen oder ein Studium oder einen anderen Beruf zu finden, aber das muss nicht unbedingt immer sein. Es kann auch einfach darum gehen, die eigenen Fähigkeiten als Berufung zu leben, in dem richtigen Kontext.

Was hat dir persönlich dabei geholfen, deine Berufung zu finden?

Lore: Das Machen und Ausprobieren. Bei mir war es eine Grundvoraussetzung aus meinem Elternhaus, dass ich nach dem Abitur eine Ausbildung machen sollte. Und dann habe ich mir die Ausbildung rausgesucht, die ich am interessantesten fand. Ich hätte eigentlich lieber studiert direkt nach dem Abitur, aber dann bin ich bei der Industriekauffrau gelandet und habe mir ein Unternehmen ausgesucht, wo wir einen eigenen Geschäftsbereich verwaltet haben als Auszubildende. Und dann habe ich ganz viel gelernt und habe aber auch immer gedacht: »Ich bin hier irgendwie falsch.« Ich war zwar erfolgreich, aber es hat sich nie wirklich gut angefühlt. Dann habe ich angefangen zu studieren, nebenberuflich über die Fernuniversität. Das hat mir sehr gut gefallen, ich habe Philosophie, Literatur, Geschichte und Soziologie studiert. Da stand dann die Frage im Raum: »Was soll ich eigentlich damit machen?« Aber ich habe das einfach weitergemacht, weil mich das so glücklich gemacht hat und bin dann über einen Kontakt in den Buchhandel gewechselt. Und das hat schon viel besser zu mir gepasst. Trotzdem bin ich mit meiner Hochsensibilität immer angeeckt und ich habe immer wieder meinen eigenen Zustand reflektiert.

Eine Frage, die mich lange begleitet hat, war immer: »Wenn Geld keine Rolle spielt, was würde ich dann jetzt tun?« Daraufhin habe ich oft Dinge verändert und immer geguckt, dass ich die Bedingungen für mich besser mache oder mir Unterstützung von außen hole, um mit bestimmten Situationen besser umgehen zu können. Und als ich dann mit dem Studium fertig war, bin ich nach Berlin gezogen und dann kam die Frage: Wie will ich eigentlich weiterleben und arbeiten? Was kann ich gut und was mache ich gerne in welchem Kontext? Und diese Idee, selbständig zu sein, die habe ich schon ganz lange mit mir herumgetragen.

Philosophie war mein Schwerpunkt im Studium und die dialektische Philosophie ist dem systemischen Fragen im Coaching sehr ähnlich. Ich hatte viel Erfahrung in Unternehmen und Branchen gesammelt, habe gern beraten in der Buchhandlung und kann mir Geschichten einfach gut merken. Und über diese Fähigkeiten und das, was ich gerne gemacht habe, bin ich zu Beratung und Coaching gekommen. Ich wollte mich schon ganz früh mit einem Bekannten selbständig machen. Der hat sich dann aber für die Wissenschaft entschieden und dann habe ich gedacht: »Okay, der nächste Schritt ist, ich mache jetzt die Coachingausbildung.« Und dann ging es irgendwie ganz schnell, dass die Idee zu CoachingBaum kam, dann habe ich mich direkt selbständig gemacht und habe einfach gemacht. Im Tun ist dann auch das Thema der Hochsensibilität wieder zu mir gekommen, in Form meiner Klient*innen. Ich hatte ewig meine Zielgruppe gesucht und dann war irgendwann klar, dass darin meine Spezialität liegt.

Man steht in einem Wald an einer Weggabelung

Es war wirklich ein Weg und das möchte ich allen immer mitgeben, den Mut zu haben, einfach den nächsten Schritt zu machen und das auch nicht überzubewerten und zu sagen: »Das muss jetzt das Perfekte und die Berufung zu sein«, sondern sich zu erlauben, das immer wieder zu reflektieren und immer wieder zu gucken, dass das wieder zum Leben passt. Das Leben verändert sich eben ständig, damit verändern sich auch die Herausforderungen an uns und an unsere Hochsensibilität. Auch, wenn ich heute denke: Das ist jetzt in diesem Moment der perfekte Job, dann darf das morgen nicht mehr perfekt sein, sondern dann darf ich mir morgen wieder was Neues suchen. Jetzt denke ich schon, dass ich meine Berufung lebe. Das macht mich einfach sehr glücklich, was ich tue, ich mache das sehr gerne.

Dich hat diese Frage also immer wieder beschäftigt und selbst, als es mit dem Bekannten nicht funktioniert hat, bist du trotzdem drangeblieben.

Lore: Genau. Auch meine Kollegin, mit der ich Sensibilität macht stark gegründet habe – ich wollte immer im Team arbeiten und habe fünf Jahre nach ihr gesucht. Ich habe da nicht aufgegeben. Es ist auch wichtig, Wünsche mal wieder loszulassen, aber trotzdem dranzubleiben und nicht aufzugeben. Und irgendwann ist der passende Zeitpunkt da. Manchmal fehlt uns auch noch eine Fähigkeit oder eine Erfahrung, um dort hinzukommen, wo wir hinkommen möchten. Und das ist auch zu beachten, dass die wahre Berufung auch erst später kommen kann und dass wir aber schon unsere Berufung leben, indem wir unsere Stärken leben. Und das machen wir immer und sammeln weiter Erfahrungen und Fähigkeiten.

Man sollte also nicht nur im Berufsleben seine Stärken ausleben, sondern auch im Alltag, im Familienleben, in Freundschaften und so weiter?

Lore: Ja, das ist ganz wichtig. Wir sind so viel mehr, wir sind nicht nur hochsensibel oder unser Beruf oder unsere Partnerschaft - wir dürfen uns erlauben, mit dem, was jetzt ist, glücklich zu sein. Das muss nicht perfekt sein, aber wir sollten gucken, dass das zu uns passt. Glück kann man auch kultivieren, indem man anerkennt, was da ist, und dankbar dafür ist. Auch die Selbständigkeit, auch das Leben der eigenen Berufung, hat seine Fallstricke, ist herausfordernd und kann sehr anstrengend sein. Auch da ist es wichtig, gut für sich zu sorgen und auf sich aufzupassen.

Gibt es denn bestimmte Berufsfelder, von denen du hochsensiblen Personen abraten würdest oder die sich besonders gut eignen?

Lore: Es gibt introvertierte hochsensible Menschen und extrovertierte hochsensible Menschen. Man geht derzeit davon aus, dass das Verhältnis 70 zu 30 ist, also 70 Prozent sind eher introvertiert. Wenn man introvertiert und hochsensibel ist, würde ich nicht empfehlen, ins Großraumbüro zu gehen. Oder in öffentliche Räume, das ist schon eine ganz schöne Herausforderung, z. B. im Einzelhandel, wo die ganze Zeit Musik läuft. Und dass man auch nicht im Außendienst ist oder bei einem cholerischen Chef, da sollte man ganz schnell die Beine in die Hand nehmen und gehen. Aber ich habe mittlerweile schon in vielen verschiedenen Berufen hochsensible Menschen gesehen. Selbst hochsensible Politiker*innen. Früher hätte ich vielleicht gesagt, der oder der Beruf passt eher, aber das glaube ich nicht mehr. Das kommt auch sehr auf das eigene Temperament, die Sozialisation und das Umfeld an. Ich habe auch schon Klient*innen gehabt, da dachte ich: »Warum sind die denn bei mir?«, weil die so eine Stärke und Präsenz und eine gewisse Macht ausstrahlen, dass man das gar nicht mit Hochsensibilität verbinden würde. Also das ist ganz typenabhängig.

Wenn man extrovertiert und hochsensibel ist, ist es oft eine größere Herausforderung, in Balance zu sein, denn dieser Wunsch nach Rückzug, der ist ein bisschen wie Introversion. Aber es ist auch eben ein ganz hoher Bedarf da, rauszugehen, Impulse von außen zu bekommen und dort seine Energie und Kreativität herzubekommen. Oft sind hochsensible Menschen in kreativen oder sozialen Berufen.

Eine Stärke, die viele vereint, ist dieser 360-Grad-Blick. Hochsensible sind sehr gute Brückenbauer*innen, Mediator*innen und Vorgesetzte. Eine große Stärke ist auch dieses Feingefühl, z. B. als Trendscout. Daraus ergibt sich ein breites Spektrum, da würde ich niemanden irgendwo in eine Schublade stecken wollen. Es gibt auch viele hochsensible Manager*innen und oft ist es so, dass Hochsensibilität für Menschen aufkommt, wenn sie zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben erfahren haben, dass sie so, wie sie sind, nicht richtig sind, weil eine negative Erfahrung nicht aufgefangen werden konnte. Es gibt auch Menschen, die das nicht so erfahren haben, bei denen das gut aufgefangen werden konnte, die sehr schnell Karriere machen und sehr erfolgreich in ihrem Job sind. Die haben schon sehr früh gute Strategien für sich entwickelt, um das ausgleichen zu können.

Was bedeutet für dich persönlich sinnerfülltes Arbeiten?

Lore: Das bedeutet für mich, nachhaltig arbeiten zu können. Was mich an Coaching und Beratung so fasziniert hat, war, dass ich so oft im Berufsleben erlebt habe, dass mit zu wenig Wertschätzung gearbeitet wird, so viel Druck herrscht, die Mitarbeitenden nicht mitgenommen werden in Prozessen und das vorhandene Potenzial nicht genutzt wird. Die Mitarbeitenden sind das Potenzial eines Unternehmens und da ist so viel Kraft drin. Auch die Führungskräfte sind oft allein in ihrer Position.

Sinnerfülltes Arbeiten heißt für mich, dass ich spüre, dass ich etwas Positives bewirken kann. Es gibt so viele Baustellen auf der Welt und wenn ich eine Stiftung gründen könnte, dann würden mir auch diverse Themen dafür einfallen. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass es wichtig ist, auf mich selbst aufzupassen und mich auf eine Sache zu konzentrieren, in der ich wirken kann. Und wenn ich dann noch mehr Zeit habe, dann können noch andere Dinge dazukommen. Das passiert oft bei hochsensiblen Menschen, dass sie mit ihren hohen Werten die ganze Welt retten möchten. Da muss man gut auf sich aufpassen, dass man nicht so schnell deprimiert ist. Greta Thunberg hat gesagt, dass sie ein oder zwei Jahre mit niemandem gesprochen hat, weil sie so deprimiert war über den Klimawandel. Und dann irgendwann hat sie sich einfach mit dem Schild vor das Parlament gesetzt. Ich glaube, genau darum geht es, diese eine Sache für sich zu finden, in der man wirken kann und das darf man natürlich auch wieder verändern. Aber das bedeutet für mich sinnerfülltes Arbeiten, dass das, was ich tue, andere Menschen bestärkt. Und dadurch, dass ich jemanden bestärke, bestärkt diese Person auch wieder die Gruppe, in der sie wirkt. Und dazu gehört auch, dass ich an mir selbst arbeite, mich selbst bestärke und immer bei mir selbst anfange.

Gibt es etwas, das du unseren Hörer*innen und Leser*innen als Schlusswort mit auf den Weg geben möchtest?

Lore: Wenn ihr entdeckt, dass ihr hochsensibel seid, ist das Wichtigste die Annahme und die Integration und das auf gar keinen Fall als Mangel anzusehen. Im ersten Moment fragt man sich vielleicht: »Und was mache ich denn jetzt damit?« Dann ist es wichtig, sich das bisherige Leben nochmal neu anzuschauen, neu zu bewerten, besser zu verstehen. Das Konzept der Hochsensibilität und den eigenen Körper gut zu verstehen und sich Unterstützung zu suchen, die zu dir als hochsensibler Mensch passt – z. B. durch den Austausch mit anderen hochsensiblen Menschen. Bei unseren Gruppen und Workshops sagen die Teilnehmenden immer, dass sie sich angenommen und nicht wie ein Alien gefühlt haben und dass alles so natürlich war. Die Hochsensibilität ist wirklich eine Superkraft, da sie mit ganz vielen besonderen Stärken und Fähigkeiten einhergeht, einem ganz viel Energie zur Verfügung steht und man sehr belastbar ist. Das ist etwas, das viele unterschätzen. Denn wenn ich wirklich den ganzen Tag so einer Flut an Reizen ausgesetzt bin – man geht davon aus, dass es bis zu dem Zehnfachen ist von jemandem, der in einer mittleren Sensibilität ist – das heißt ja, wie belastbar bin ich denn, wenn ich das aushalte den ganzen Tag? Es geht darum, sich diese Stärke wirklich bewusst zu machen.

Lore Sülwald, Expertin für Hochsensibilität*

Über Lore Sülwald

Lore ist zertifizierte systemisch-integrative Coachin und Gründerin von ihrem Unternehmen COACHING BAUM. Sie hilft Menschen dabei, ihre Sensibilität als Stärke zu sehen und besser in Einklang mit ihrem Leben und Berufsalltag zu bringen. Lore ist außerdem Mitgründerin von SENSIBILITÄT MACHT STARK, einem Unternehmen, das Entwicklungsprozesse in Firmen begleitet und diese beim Etablieren einer achtsamen, kreativitätsfördernden und empathischen Unternehmenskultur unterstützt. Lores Vision ist es, das Wissen über Hochsensibilität und das Bewusstsein für verschiedene Sensibilitäten in Unternehmen und Organisationswelten zu bringen.

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