Social Entrepreneurship

Entrepreneurship Education – Futurepreneur weckt in Schüler*innen den Unternehmergeist: »Wir bringen denen nichts bei, sondern wir holen etwas aus ihnen heraus, was da drin ist.«

Für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen braucht es Menschen, die ihre Ideen leben, kreativ sind und gut mit Unsicherheiten und Risiken umgehen können. Der Verein Futurepreneur hat sich zum Ziel gesetzt, genau diese Skills bereits bei Jugendlichen zu fördern. Im Rahmen verschiedener Programme entwickeln die Teilnehmenden ein unternehmerisches Mindset, gewinnen Vertrauen in ihre Ideen und Fähigkeiten und schnuppern erste Gründungsluft. Wie das genau funktioniert und warum das derzeit wichtiger ist denn je, hat uns Kerstin Heuer, die Gründerin von Futurepreneur, im Interview erklärt.

Für alle, die lieber lesen als hören:

Wie ticken Menschen, die ein Unternehmen gründen, eigentlich? Wann klappt es und wann klappt es nicht? Und was ist bei denen passiert, die in die Insolvenz gehen?

Diese Fragen stellte sich Kerstin Heuer bereits 2008, als Beraterin von Startups und Gründer*innen während der Krise und stellte fest: »Meistens gibt es eine Geschichte hinter der Geschichte.« Der Erfolg eines neuen Unternehmens hängt nämlich laut Heuer nicht unbedingt von der Qualität des Produktes oder den jeweiligen Bedingungen des Marktes ab, sondern vielmehr von dem Mindset des Gründers*der Gründerin: »Wie gelingt es jemandem, mit Herausforderungen, mit Krisen umzugehen? Mit einem sich wandelndem Markt, mit einem Produkt, das man weiterentwickeln muss, mit Konkurrenz, mit Rückschlägen? Da wurde mir dann doch klar, dass es sehr viel um Mindset geht.« Die Möglichkeit, diese Fähigkeiten gezielt bereits in jungen Jahren zu entwickeln, hat Kerstin Heuer in Deutschland vermisst. In Schweden, wo sie studiert und mehrere Jahre gelebt hat, sei man mit einem anderen Mindset unterwegs.

Gründer*innen-Quote in Deutschland: unter den Schlusslichtern weltweit

Die Quote der Gründer*innen in Deutschland beträgt knapp 1,2 Prozent (Stand 2019, Quelle: statista.com). Die geringe Gründungsbereitschaft der Deutschen zeigt sich auch in einer weltweiten Untersuchung des RKW Kompetenzzentrums: Von insgesamt 54 untersuchten Ländern befindet sich Deutschland auf Rang 48, was die Anzahl der jungen Gründer*innen betrifft. Nur 3,4 Prozent der 18 bis 24-Jährigen haben im Jahr 2018 in Deutschland ein Unternehmen gegründet. Zum Vergleich: Bei den Spitzenreitern Estland, Guatemala und Libanon bewegt sich dieser Wert zwischen 23 und 25 Prozent, in Schweden waren es rund acht Prozent (Stand 2018, Quelle: dgap.de).

Einer der Gründe dafür sei, so Heuer, die Mentalität: »In Deutschland sagt man oft ›Ja, aber…‹ oder ›Es geht nicht…‹. Es ist schwer, ins Handeln zu kommen und es geht hier meist um Verwaltung, statt um Gestaltung. Und das ist tatsächlich etwas, was mich mein Leben lang schon nervt. Da dachte ich okay, das würde ich hier gerne verändern.«

Mädchen sitzt in Sieges-Pose vor einem Bücherregal an einem Schreibtisch vor dem Laptop

Entrepreneurship Education: Gründungs-Mindset durch Selbstvertrauen

Auch die Kinder würden in Schweden schon von Beginn an ganz anders sozialisiert: »Die sind schon früher in der Lage, Ideen zu entwickeln und ein Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben, während es hier so ist, dass, wenn wir 13- und 14-jährige Schüler*innen fragen ›was kannst du gut?‹, dann sagen die ›nichts‹.« Damit ein nachhaltiger Mindset-Change stattfinden kann, müsste man in Deutschland also schon viel früher ansetzen und mit Schulen kooperieren, um an die Zielgruppe heran zu kommen. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland verschiedene Programme, die Entrepreneurship Education in die Schulen bringen und im Rahmen des Initiativkreises Unternehmergeist macht Schule vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert werden.

Auch Futurepreneur bringt Zukunfts-Skills und Gründergeist in die Klassenzimmer, um unternehmerisches Denken bereits bei Jugendlichen zu fördern. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die beiden Programme Sommerunternehmer und Campusunternehmer, deren ursprüngliches Konzept Heuer in Schweden kennen gelernt hat:

Sommerunternehmer ist ein fünfwöchiges, kostenloses Sommerferienprogramm, in dessen Rahmen die freiwilligen Teilnehmenden ihr eigenes kleines Unternehmen gründen - mit echtem Startkapital, echten Produkten und echten Kund*innen.

Campusunternehmer ist ein viertägiges Kondensat von Sommerunternehmer und kann von Lehrkräften für ihre Schüler*innen gebucht werden.

Im Rahmen beider Programme entwickelt jede*r Teilnehmende 25 Geschäftsideen, von welchen eine dann alleine oder im Team umgesetzt wird. Dafür gibt es ein echtes Startkapital von 100 Euro (nur bei Sommerunternehmer) und die Möglichkeit, bares Geld zu verdienen. Alle Einnahmen, die die Jugendlichen mit ihrer Idee erzielen, dürfen sie selbst behalten.

Während des gesamten Programms werden die Teilnehmenden durch Coaches und erfahrene Gründer*innen betreut. Es geht vor allem darum, den Jugendlichen innerhalb eines sicheren Raumes die Entwicklung ihrer eigenen Stärken zu ermöglichen und ihr Vertrauen in sich selbst und in ihre Fähigkeiten zu stärken:

»Wir versuchen da, wirklich einen positiven Raum zu schaffen. Es ist alles erlaubt, es kann niemand scheitern, es kann nichts passieren, es geht nur um Stärken stärken und darum, mit einem positiven Blick auf die Jugendlichen zuzugehen, zu sagen: ›Ihr seid tolle Überraschungseier, lass mal gucken, was da drin steckt.‹ Und dann passieren Wunder.«

Von sozialer Benachteiligung zum Traumjob

So motivierte das Programm beispielsweise eine Schülerin dazu, doch noch ihren Realschulabschluss zu machen und ihre Traum-Ausbildung zu beginnen. Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, der zum Zeitpunkt des Programms gerade einmal seit einem halben Jahr in Deutschland gewesen war, entschied sich im Laufe des Programms dazu, IT-Manager zu werden und programmierte eine Webseite, auf der andere unbegleitete minderjährige Geflüchtete von seinen Erfahrungen profitieren konnten. Nun, etwa sieben Jahre später, arbeitet er in genau dem Job, den er sich gewünscht hat. Abgesehen von solch individuellen Erfolgsgeschichten, berichtet Heuer auch von anderen Wundern, zu denen es während der Programme kommt:

»Es gibt auch autistische Schüler*innen, die dann anfangen zu sprechen. Oder Kinder, die einen Förderschüler*innen-Status haben, den die Schule dann hinterher revidiert - weil die sich einfach mal von einer ganz anderen Seite zeigen können und sich auch ganz anders erleben.«

Von diesen lebensverändernden Erfahrungen sollen insbesondere sozial benachteiligte Schüler*innen profitieren. Daher arbeitet Futurepreneur in Hamburg auch verstärkt mit Stadtteilschulen zusammen, deren Schüler*innen zuhause tendenziell weniger Unterstützung bekommen, »weil das Jugendliche sind, denen eben nicht jeden Tag gesagt wird, wie toll sie sind - die aber genauso toll sind! Und wenn man denen das zeigt und erklärt, dann wachsen die so über sich hinaus und da liegt ein so großes Potenzial für uns als Gesellschaft brach, dass wir uns das gar nicht erlauben können.«

Auf einer grünen Wiese stehen 6 Schilder mit Buchstaben, die insgesamt das Wort "create" ergeben.

Kreativität, Flexibilität, Mut und ins Handeln kommen

Eine wichtige Komponente in den Programmen bei Futurepreneur bildet das Trainieren der eigenständigen Entscheidungslogik (Effectuation). Nach diesem Prinzip wird - im Gegensatz zur Vorausplanung - etwas Kreatives aus dem erschaffen, was gerade da ist. Daher eignet sich diese Vorgehensweise besonders für Zeiten wie diese, die durch eine hohe Planungsunsicherheit gekennzeichnet sind. Laut Heuer lässt sich dies besonders gut anhand der Kühlschrank-Metapher nach Michael Faschingbauer veranschaulichen:

»Stell dir vor, du möchtest etwas Leckeres kochen. Wenn du nach dem Konzept Businessplan kochst, dann druckst du dir ein Rezept aus, guckst, was du brauchst, gehst einkaufen und kochst das. Wenn du nach dem Effectuation-Konzept etwas kochst, dann gehst du zum Kühlschrank, machst den auf, guckst, was drin ist, und machst daraus etwas Leckeres. [...] und für uns sind die Jugendlichen so ein bisschen die Kühlschränke. Wir sagen: ›Guck mal, was ist da in dir drin? Was kannst du denn daraus machen und auf die Beine stellen?‹« Daher geht es bei Futurepreneur nicht etwa darum, den Jugendlichen irgendetwas zu vermitteln. »Wir bringen denen nichts bei, sondern wir holen etwas aus ihnen heraus, was da drin ist.«

Darüber hinaus lernen die Jugendlichen durch erfahrungsbasiertes Lernen und ständige Reflexion, ihre Komfortzone zu verlassen, ihre Stärken zu entwickeln, ihre Erfolge zu feiern und vor allem: Loslegen, Ins Handeln kommen, Ausprobieren, Machen! »Das ist, finde ich, in Deutschland das wichtigste Prinzip, weil das hier noch viel schwerer ist als in anderen Ländern«, so Heuer.

Hierzu ist es essentiell, die Angst vor dem Scheitern zu überwinden und mit Rückschlägen umzugehen: »Das ist ganz normal, mal einen Rückschritt zu machen und dass mal etwas nicht klappt. Das Entscheidende ist nur, dass ich in die richtige Richtung weitergehe und dann trotzdem wieder den nächsten Schritt gehe.« Da die Angst vor dem Versagen jedoch mit steigendem Alter zunimmt, sei es umso wichtiger, bereits im Teenager-Alter anzusetzen. Die Programme von Futurepreneur richten sich daher in erster Linie an Schüler*innen zwischen 14 und 19 Jahren. »Die Hebelwirkung ist einfach in jungen Jahren noch am größten. [...] Es ist am einfachsten, da noch etwas zu verändern.«

Umgekehrt können jedoch Gründer*innen, welche das Schulalter längst hinter sich gelassen haben, auch jede Menge von dieser noch sehr jungen Zielgruppe lernen. Laut Heuer kommen die Jugendlichen nämlich noch viel schneller ins Handeln, haben weniger Angst vor dem Scheitern und gehen die Dinge mit einer größeren Leichtigkeit an als Erwachsene. Außerdem halten sie nicht lange an Ideen fest, die sich als untauglich erweisen, sondern sind viel schneller darin, wieder neue Ideen zu generieren. Denn: »Die Ideen liegen eigentlich auf der Straße. Wenn die eine nicht klappt, dann nehme ich halt die nächste.«

Eigenschaften wie Mut, Flexibilität und Kreativität helfen besonders dabei, mit Herausforderungen umzugehen. Ganz besonders wichtig sind laut Heuer jedoch auch ein unterstützendes Netzwerk sowie die Fähigkeit, die Chancen in schwierigen Situationen zu sehen. Sie spricht aus Erfahrung, denn als sie im Jahr 2012 Futurepreneur gründete, stand Heuer selbst vor einigen Herausforderungen: Nebenbei hatte sie zwei weitere Jobs zu bedienen plus drei kleine Kinder zu versorgen. Auch eine Finanzierung gab es anfangs nicht. »Die erste Spende war Papier für den Drucker… Ich dachte, ich probier es einfach mal, und sehe, wie weit wir kommen.« Auch bei der Suche nach möglichen Kooperationspartner*innen war Mut und Durchhaltevermögen gefragt: »Die erste Kooperation kam dadurch zustande, dass ein Nachbar von mir Schulleiter ist, den habe ich beim Public Viewing während der Europameisterschaft solange genervt, bis er gesagt hat, er macht ein erstes Pilotprojekt.«

Ein Zettel auf dem ein Graph abgebildet ist, der nach oben geht

Messbare Erfolge für Schüler*innen und Gesellschaft

Mittlerweile führt Kerstin Heuer ein 15-köpfiges Team aus festen, ehrenamtlichen und freien Mitarbeitenden und Futurepreneur hat seit der Gründung 118 Projekte durchgeführt, in denen 2.462 Teilnehmende 54.164 Ideen entwickelt haben (Stand: 12/2019).

Und das Konzept funktioniert: Die Ergebnisse einer umfassenden quantitativen und qualitativen Evaluation der beiden Programme Sommerunternehmer und Campusunternehmer durch die Leuphana Universität Lüneburg zeigen, dass die Teilnehmenden ihre Kompetenz in den folgenden sechs Kernzielen verbessern konnten: Selbstwirksamkeit, Problemlösefähigkeit, aktivierter Gründergeist, Selbstbewusstsein, Glaube an die eigene Schaffenskraft und Kreativität. Darüber hinaus konnte die Studie weitere Wirkungen der Programme auf die Schüler*innen nachweisen: So konnten diese danach z.B. besser auf Menschen zugehen, wirtschaftliche Zusammenhänge erkennen, Verhandlungen führen oder Ergebnisse präsentieren. Im Jahresbericht von Futurepreneur kannst du dir einige der Ergebnisse dieser Evaluationsstudie bei Interesse genauer ansehen.

Dies lässt jedoch nicht nur die Teilnehmenden, sondern uns alle als Gesellschaft deutlich positiver in die Zukunft blicken - denn ein Blick auf die Geschäftsideen der Jugendlichen macht eine Sache ganz besonders deutlich: Auf das große Geld sind die wenigsten von ihnen aus. Viel mehr stehen zukunftsfähige, nachhaltige und sozialunternehmerische Geschäftsideen sowie der Wunsch, wirklich etwas voranzubringen, im Fokus der Teilnehmenden. Und zwar, ohne dass diese Anliegen von Erwachsenen an sie herangetragen werden müssen: »Das machen Jugendliche sowieso. Das ist ihr originäres Interesse«. Heuers Erfahrungen, zeigen außerdem, »dass eben die Jugendlichen nur darauf gewartet haben, diese Tools kennenzulernen und dann tatsächlich als Entrepreneur*innen loslegen.«

Die innere Haltung zählt

Es geht ihr jedoch nicht in erster Linie darum, möglichst viele junge Gründer*innen hervorzubringen. Vielmehr sollen die Programme einen positiven Einfluss auf die innere Einstellung der Jugendlichen haben, damit sie generell erfolgreich durch’s Leben gehen können: »Wir möchten aus Schüler*innen Lebensunternehmer*innen und Zukunftsgestalter*innen machen. Und das brauchen wir überall. Ob die dann später gründen oder in einem Unternehmen arbeiten oder mal beides machen, das ist eigentlich egal. Aber dieses Mindset brauchen sie, um mit einer so unklaren Zukunft überhaupt klar zu kommen, das zeigt sich ja jetzt mehr denn je.«

Diesen Mindset-Shift bei allen Schüler*innen möglich zu machen, ist die Vision hinter ihrer Arbeit: »Mein Wunsch ist, dass jede*r Schüler*in irgendwann auf dem Bildungsweg mehrere Chancen bekommt, sich auszuprobieren und zu verstehen: Wissen ist eine Sache, es kommt aber auch auf die Haltung an.«

Für alle, die jetzt richtig Lust bekommen haben, diese Vision zu unterstützen, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich einzubringen. Futurepreneur bietet Beratungen für Regionalentwickler*innen, Bildungsakteur*innen und Unternehmen an. Du kannst dich auch als Coach für die Jugendlichen einsetzen. Die Futurepreneur Academy bietet hierfür verschiedene Qualifizierungsprogramme an. Auch finanzielle Förderer, Multiplikator*innen sowie alle Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise für das Thema Entrepreneurship Education engagieren möchten, sind herzlich eingeladen, sich bei Futurepreneur zu melden.

Kerstin Heuer Gründerin von Futurepreneur

Über Kerstin Heuer und Futurepreneur

Inspiriert durch die skandinavische Mentalität und motiviert durch den Wunsch, die Themen Potenzialentfaltung und Entrepreneur-Spirit auch in deutsche Schulen zu bringen, gründete die »Schwedin by heart« 2012 das Hamburger Sozialunternehmen Futurepreneur. Seitdem sucht und fördert der Verein junge Menschen, die Lust auf Neues haben und die Gesellschaft aktiv mitgestalten wollen. Dabei stehen besonders Jugendliche im Fokus, die sich ihrer eigenen Stärken nicht bewusst sind oder denen durch ihre Herkunft und ihre Noten oftmals der Weg versperrt wird. Denn in jedem Menschen schlummert eine Menge Kreativität, Potenzial und Talent - ein unfassbar wertvoller Schatz, den zu bergen es sich Futurepreneur zur Mission gemacht hat.

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