Gastartikel

Generalist*innen: Was du brauchst, ist keine Spezialisierung, sondern eine berufliche Identität

Unsere Arbeitswelt ist größtenteils auf Spezialist*innen ausgelegt. Schon während unserer Bildungslaufbahn lernen wir, dass wir uns immer für EINE Fachrichtung entscheiden müssen, in der wir auch noch RICHTIG gut werden müssen, um erfolgreich zu sein. Generalist*innen liegt dies jedoch überhaupt nicht, denn sie haben breit gefächerte Interessen und Talente – und fragen sich oft »Was kann ich eigentlich wirklich?« Warum unsere Welt gerade jetzt mehr Generalist*innen braucht und wie diese in unserer hochspezialisierten Welt erfolgreich sein können.

Dieser Gastartikel wurde verfasst von Sven Stegemann, Gründer der Akademie für Transformationsdesign.

Was machst du eigentlich? Nein, was kannst du eigentlich? In den letzten Jahren hatte ich als Coach immer häufiger mit Menschen zu tun, die an Fragen dieser Art litten. Was sie (fast) alle gemeinsam hatten? Sie waren Generalist*innen. Und sie waren gut in dem was sie taten – Unternehmer*innen, Berater*innen und Kreative. Ihre bunten Lebensläufe waren ein Hit bei Partygesprächen und Quell von Selbstbewusstsein und Stolz auf die eigene Entwicklung – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite waren sie Ursache von Zweifel an ihrer Kompetenz, der eigenen Bestimmung im Leben sowie der Fähigkeit, irgendetwas richtig zu beherrschen oder voranzutreiben.

Erfolgreiche Generalist*innen leiden in meiner Wahrnehmung häufiger als Spezialisten am sogenannten Impostor- Syndrom: der Angst, als Hochstapler*in enttarnt zu werden – und das hat einen Grund.

Unsere Wirtschaft und Art des Organisierens hat sich im Zuge der industriellen Revolutionen seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts arbeitsteilig zergliedert und spezialisiert. Während ein Goethe, Humboldt oder Leibniz noch als letzte Universalgelehrte gefeiert wurden, gingen die seit 120 Jahren vergebenen Nobelpreise dieser Welt mehrheitlich an hochspezialisierte Spartenwissenschaftler*innen – mit einigen Ausnahmen vor allem in der Literatur. Wirtschaft und Hochkultur belohnen überproportional die jeweils besten auf ihrem Gebiet – den*die einen begnadete*n Pianist*in, nicht den*die Musiker*in, der*die ziemlich gut drei Instrumente spielt. Den*die Absolvent*in, der*die die beste Arbeit in einem Fachgebiet geschrieben hat, nicht der*die Streuner*in, der*die sich einen breiten Überblick verschafft hat.

Natürlich gab es zu allen Zeiten Menschen mit breitem Interesse, die übergreifende Zusammenhänge herzustellen versuchten. Sie nahmen meist eine beobachtende und kommentierende Funktion ein. Einige wurden freilich erfolgreiche Popmusiker*innen, Unternehmer*innen oder Politiker*innen – häufig etwas später in ihrem Leben.

Die allgemeine Weisheit der Stunde lautet jedoch: Wer erfolgreich sein will, spezialisiere sich!

Die wachsende Aufmerksamkeits- und Machtverschiebung vom Generalistentum hin zur Spezialisierung macht sich auch in unserer Wahrnehmung bemerkbar: Wenn heute von Generalist*innen die Rede ist, meinen wir meist Personen mit einem etwas breiteren Überblickswissen in einem Gebiet oder einer Branche – wie dem*der Allgemeinmediziner*in gegenüber dem*der Kardiolog*in. Wir denken eher nicht an eine Person mit ganz unterschiedlich ausgeprägten Begabungen ohne unmittelbar erkennbaren Zusammenhang. Ein*e Allgemeinmediziner*in bleibt in diesem Sinne ein*e Mediziner*in – und ist nur in Ausnahmefällen auch ein*e guter Bauarbeiter*in. Die zunehmende Differenzierung und Tiefe von Fachgebieten bringt einige seit längerem bekannte Nachteile mit sich. Begriffe wie Schubladen- oder Silodenken fassen das ganz gut zusammen. Unsere Antwort als Gesellschaft ist ein seit Jahrzehnten lauter werdender Ruf nach Interdisziplinarität. Damit ist gemeint, dass Spezialist*innen zusammenkommen, gemeinsam an einem Problem arbeiten und jeweils ihre fachliche Perspektive zum großen Ganzen beisteuern – nicht selten mit Erfolg, wie hochkomplizierte Projekte wie die Mondlandung verdeutlichen.

Vor diesem Hintergrund stellen wir doch mal ganz offen die Frage: Braucht es überhaupt Generalist*innen in dieser Welt, wenn Spezialist*innen unsere Probleme allem Anschein nach erfolgreich meistern?

Vom Generalisten zum Spezialisten zum Generalisten

Vielleicht sollten wir die Frage umformulieren und nicht fragen, ob es Generalist*innen braucht, sondern wann es sie braucht.

Der Mensch begann als Generalist und konnte nur als solcher überleben. Je nachdem, wo man die Anfänge verortet, war er Kräuterkundler*in, Jäger*in, Werkzeugmacher*in, Sammler*in, Hüttenbauer*in und Feuermacher*in in einer Person. Mit dem Ackerbau kam die Arbeitsteilung – erst zwischen den Geschlechtern, dann zwischen Bauern und Bäuerinnen und einer kleineren privilegierten Kaste, die sich durch Abschöpfung der auf den Feldern erzielten Überschüsse von der Knochenarbeit befreite. So entstanden Handwerk, Beamten- und Priestertum. Dennoch blieb die Schöpfungstiefe der meisten Produkte bis in die Neuzeit gering: Für den Bau einer Pferdekutsche brauchte es lediglich eine Handvoll verschiedener Handwerker*innen, allen voran Schmied*innen und spezialisierte Tischler*innen/Wagenbauer*innen. Zum Vergleich: Der Bau und Vertrieb eines heutigen Automobils benötigt hunderter oder gar tausender verschiedener Spezialist*innen.

Wäre in unserer Welt alles paletti, könnte man nun meinen, die Geschichte sei an dieser Stelle zu Ende – das Spezialistentum hat sich als Erfolgsmodell durchgesetzt, die Koordination zwischen den Spezialist*innen ist geregelt, der*die Generalist*in ist Meister mehr des Nichts als von Allem und findet keinen Platz mehr im gesellschaftlichen Getriebe. Diese Schlussfolgerung wäre allerdings verfrüht.

Ausgerechnet die beliebte mechanistische Metapher des Getriebes zeigt das Problem unserer Zeit auf und birgt den Kern einer Wiedergeburt der Generalist*in.

Wer nämlich kann noch das Getriebe im Ganzen in Augenschein nehmen, wenn sich zunehmend Sand darin befindet? Oder anders gefragt: Wer kann das Ganze verstehen, wenn dieses mehr ist als die Summe seiner Teile?

Das komplexe Ganze

Seit der Jahrtausendwende werden die großen Krisen unserer derzeitigen Ordnung immer offensichtlicher und immer komplexer. 9/11 beendete die Ära des von Francis Fukuyamas ausgerufenen »Ende der Geschichte«, nach dessen Lesart die westliche Kombination aus Demokratie und freier Marktwirtschaft nach dem Zusammenbruch der UDSSR den Kampf der Systeme (oder Kulturen) gewonnen hatte. Die Wirtschaftskrise von 2008 legte die Labilität unserer Wirtschaftsordnung offen, und während all der Zeit hat sich im Hintergrund die drohende Klimakatastrophe inklusive Artensterben zur größten und doch völlig vernachlässigten Bedrohung aufgebaut. Bei allen Fortschritten sind wir als Menschheit weit davon entfernt, unsere selbst gesteckten Ziele in Form der Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen. Milliarden weitere Menschen fordern ihr Recht auf Teilhabe am wachsenden Wohlstand der Welt ein, während verfügbare natürliche Ressourcen dramatisch verknappen.

Geplante Ineffizienz

Das Problem des noch immer beherschenden Spezialistentums lässt sich derweil in Echtzeit an den Reaktionen unserer Gesellschaft auf die aktuelle pandemische Krisensituation ablesen. Statt innezuhalten, den Kopf zu heben und die Chance zur Neuorientierung zu nutzen, geht der Reflex in Richtung »Zurück zum Altbekannten« – nur möglichst etwas effizienter und größer. Denn das ist dem Spezialistentum sehr eigen: Eine konservative Umklammerung der erworbenen Fertigkeiten und Lösung von Problemen durch das Prinzip des »Mehr vom Gleichen«. Die Produktion von immer größeren SUVs, die das psychologische Schutzbedürfnis des Individuums bedienen und über unsere unausgeglichene Handelsbilanz kurzfristig Arbeitsplätze sichern ist jedoch, nur als Beispiel, keine nachhaltige Antwort auf die Frage der Mobilität der Zukunft oder für den Wirtschaftsstandort Deutschland – geschweige denn auf unsere derzeitige Lage als Menschheit. Ein Bruch mit dem Bisherigen wäre hier genauso angezeigt wie bei einem Massentourismus à la TUI oder dem sinnlosen Inlandsflugverkehr einer Lufthansa, den wir gerade mit Milliarden an Steuergeldern auflagenlos protegieren anstatt in vernünftige Alternativen zu investieren.

Die sich aufdrängende Komplexität der Situation fragt nach einem offenen Blickfeld, Neugierde und Lernwillen – und damit zu einem gewissen Grade nach Ineffizienz und freiem Spiel. Lernen und Effizienz- das ist fundamental wichtig zu erkennen – sie widersprechen sich fast immer.

Lernen und spielerische Ineffizienz liegen indes in der Natur des*der Generalist*in. Er*sie probiert vieles aus, verwirft Fähigkeiten und Erfahrungen mit Leichtigkeit, in die zuvor viele Ressourcen, Lebenszeit und Leidenschaft geflossen sind, orientiert sich immer wieder neu und bleibt neugierig. Seine*ihre Stärken sind die Kreativität und Flexibilität im Umgang mit dem Unbekannten. Generalist*innen halten genau jene Fähigkeiten bereit, die wir gerade jetzt in orchestrierender Ergänzung zu unseren – zu Recht – gefeierten Spezialist*innen benötigen. Wenn das Ganze mehr ist als die Summer seiner Teile, braucht es nicht nur Expert*innen für die Teile, sondern auch für das Ganze.

Die Rennaissance des Generalistentums

Damit kommen wir zurück zum Anfang: Wie können Generalist*innen in einer für Spezialist*innen ausgelegten Welt leichter bestehen?

Der Bias unserer Gesellschaft in Richtung Spezialisierung könnte sich schon bald durch Pull- wie auch Push-Effekte verschieben. Auf der Push-Seite werden wir in naher Zukunft und mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung mutmaßlich viel mehr Jobs verlieren, als Neue geschaffen werden. Und dies gilt insbesondere für (teils hoch) spezialisierte Berufe, von der Fachkraft in der Fabrik bis zum*r spezialisierten Mediziner*in. Generalist*innen dürften davon weniger und erst später betroffen sein.

Gleichzeitig beobachte ich auf der Pull-Seite immer mehr Spezialist*innen, die in ihrem Feld allein keinen Sinn mehr finden und den Wunsch verspüren, das große Ganze ins Auge zu fassen. Diese Entwicklung in Richtung T-Form (breites Gesamtwissen mit spezialisierten Tiefenwissen auf einem Gebiet) hat sich in Coachings als äußerst fruchtbar erwiesen. Einige der spannendsten Köpfe unserer Zeit sind diesem Trend folgend gerade diejenigen, die die Ketten ihrer Disziplin sprengten. So schreibt der Historiker Yuval Harari mittlerweile mehr über die Gegenwart und Zukunft als über die Vergangenheit.

Genuine Generalist*innen brauchen allerdings heute und nicht morgen eine Lösung, um sich und ihr Profil in einer spezialisierten Welt verständlich zu machen.

Dabei ist zu betonen, dass fachliches Tiefenwissen durchaus eine Rolle spielen kann – Generalistentum soll nicht als Ausrede für umfassende Seichtheit herhalten. Die künstlich forcierte Etablierung eines einzelnen markanten T-Strichs hat sich allerdings für viele als Irrweg herausgestellt – am Ende wechselt das Interesse doch wieder oder der angestrebte Schwerpunkt ist genau der Überblick oder die Verbindung vieler Perspektiven, nicht das Detail.

Die Klammer

Für eben diese Fälle von Generalist*innen, die auf vielen Gebieten gut, aber in keinem Weltklasse sind, bietet sich eine elegante Lösung an, mit der mir vor vielen Jahren eine Mentorin sehr weiterhelfen konnte. Obwohl ich schon einige »Karrieren« hinter mich gebracht hatte, fühlte ich mich häufig unsicher – wenn mich jemand fragte, was ich so mache, klang meine Antwort in etwa so: »Gerade arbeite ich als… aber ursprünglich … und zwischendurch…« Ich hatte oft das Gefühl, dass mir noch irgendetwas fehlte, und ich suchte es in verschiedensten Vertiefungen oder etablierten Fachrichtungen. Es war ein Kampf gegen Windmühlen.

Denn was mir vor allem fehlte war keine Spezialisierung. Es war eine berufliche Identität, eine berufliche Klammer, die meinem professionellen Wirken im Ganzen gerecht wurde und anderen Menschen verständlich kommunizierbar war.

Die erste Klammer, die ich persönlich genutzt habe, hieß schlicht »Organisationsentwickler«. Darin konnte ich Erfahrungen als Sozial-Unternehmer, Banker, Philosoph & Volkswirt, Kommunikationsexperte, Facilitator und Nachhaltigkeitsexperte und Weiteres problemlos einfließen lassen – ergänzt und verbunden durch ein Studium systemischer Prozessberatung. Heute – einige Lebensabschnitte später – verwende ich die Klammer des »Transformationsdesigners«.

In Coachings erstellen wir meist eine Liste mit allen Fähigkeiten und Interessen (teilweise nutzen wir zur Strukturierung das Ikigai-Framework). Dabei unterscheiden wir zusätzlich zwischen Prozess- und Fachwissen – was sich für viele als Augenöffner herausstellt. Gerade Prozesswissen eignet sich hervorragend, um Fachwissen sinnvoll in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Zuletzt fragen wir uns, was eigentlich das höhere Ziel von allen bisherigen Bestrebungen darstellt.

Im Ergebnis kommen Begriffe zu Stande, die abstrakt genug sind, um verschiedenste Aspekte zu verbinden und speziell genug klingen, um eine Art virtuelle Spezialisierung zu erzeugen.

Diese tragen Namen wie »Sozialunternehmer*in«, »Organisations-Allrounder*in«, »Experience-Designer*in« oder auch etwas Schlichteres wie »Nachhaltigkeitsexpert*in«. Das mag Menschen, die das Problem nicht kennen, ein wenig belanglos erscheinen – ich stelle jedoch immer wieder fest, dass die Wirkung ein Game Changer sein kann, sofern der Begriff für die entsprechende Person wirklich sitzt. Möglicherweise etwas affektiert klingende Titel wie »Feelgood-Manager*in« schaffen tatsächlich neue Jobprofile und Stellen, hinter der sich dann beispielsweise ein*e Heilpraktiker*in mit breitem psychologischen Interesse, sportlicher und gleichzeitig künstlerischer Begabung voll ausleben kann. Zuletzt möchte ich noch eine Beobachtung teilen: Klammern sind nichts für die Ewigkeit. Sie verändern oder – besser – weiten sich. Während sich Klammern von jüngeren Menschen häufig noch klar unterscheiden, integrieren sie mit der Zeit immer weitere Perspektiven und erfüllen einen wachsenden Anspruch an positive Wirksamkeit in der Welt. Dabei werden sie sich immer ähnlicher.

Unsere Akademie für Transformationsdesign haben wir – wie der Name vermuten lässt – auf die weit gefasste Klammer des »Transformationsdesigns« ausgerichtet. Auch hier kommen Teilnehmende mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammen. Zur Verbindung der mannigfaltigen Fähigkeiten stellen wir Prozesswissen und Übersicht stiftende Fachexpertise bereit, welche als Rahmen dienen. Diese absichtsvolle Öffnung, nicht die Verengung führt zur Selbsterkenntnis, was wir am Ende alle werden: Geburtshelfer*innen der besseren Welt von Morgen.

An der Akademie für Transformationsdesign kannst du dich im Rahmen einer Weiterbildung zum*r Transformationsdesigner*in ausbilden lassen. Gute Nachrichten für Impactify-Mitglieder: Als Mitglied von Impactify erhältst du 10 % Rabatt auf den Ausbildungskurs!

Foto: Stefanie Reimann – Akademie für Transformationsdesign


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