Weiterbildung

Kiron Open Higher Education ermöglicht digitale Bildung für jede*n: »Hilfe zur Selbsthilfe - das ist unser Verständnis von Empowerment und guter Integration.«

Faire Bildungschancen für alle, unabhängig von der Herkunft: Das ist die Mission von Kiron Open Higher Education. Die Online-Plattform bündelt hochwertige Lernangebote auf Hochschulniveau und unterstützt Geflüchtete auf ihrem Bildungsweg. Welche Barrieren insbesondere Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen in Deutschland den Zugang zu guter Bildung und dem Arbeitsmarkt erschweren und wie die Gründer*innen von Kiron diese beseitigen wollen, hat uns Mitgründer Markus Kreßler im Interview erzählt.

Mission von Kiron Open Higher Education ist es, mehr Chancengerechtigkeit in den Bildungsbereich zu bringen. Wie sieht euer Konzept dazu aus?

Markus Kreßler: Seit 2015 ermöglicht Kiron geflüchteten Menschen weltweit einen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung. Durch ein innovatives Modell bieten wir als gemeinnützige Organisation kostenlose Studienprogramme an, indem wir »Massive Open Online Courses« (MOOCs) von renommierten Bildungsanbietern und frei zugängliche Lernmaterialien (»Open Educational Resources«, kurz OER’s) mit selbst erstellten Lernangeboten kombinieren. Alle Programme sind über die digitale Lernplattform Kiron Campus zugänglich und werden durch eine Reihe von Unterstützungsleistungen ergänzt, die von Sprachkursen bis zur persönlichen Beratung reichen.

Unser Ziel ist es, den Studierenden Kompetenzen für ihren beruflichen oder akademischen Bildungsweg zu vermitteln und sie gleichermaßen in ihrer persönlichen Weiterentwicklung zu fördern.

Mit euren Kursangeboten sprecht ihr gezielt Geflüchtete an. Mit welchen konkreten Barrieren sehen sich Geflüchtete konfrontiert, wenn sie z.B. ein reguläres Studium aufnehmen möchten?

Markus: Geflüchtete stehen Barrieren bei verschiedenen Bildungswegen wie dem Studium oder dem Zugang zum Arbeitsmarkt gegenüber. Barrieren sind häufig bürokratische Hürden wie die Anerkennung von bisherigen Lernleistungen, fehlende Dokumente, Finanzierung von Studiengebühren und Lebensunterhalt, aber auch beschränkte Kapazitäten der Bildungseinrichtungen, der Aufenthaltsstatus oder Sprachbarrieren. Erschwerend hinzu kommen oftmals prekäre Lebensumstände, wenn Eltern und Geschwister zum Beispiel noch in der Heimat sind und finanziell unterstützt werden müssen oder Traumata vorhanden sind. Aufgrund dieser Hürden bleibt das Bildungspotenzial von vielen Geflüchteten ungenutzt.

Sind diese Barrieren nicht auch von den Bildungssystemen in den jeweiligen Ländern abhängig? Gerade in Deutschland ist man ja angesichts vergleichbar niedriger Gebühren und BAföG-Unterstützung geneigt zu glauben, dass jede*r Zugang zu einer Universität erhalten kann. Oder täuscht der Eindruck?

Markus: Die individuellen Barrieren unterscheiden sich natürlich von Land zu Land. Grundsätzlich treffen viele der oben genannten Hürden auf die allermeisten Länder zu. In einigen Ländern, beispielsweise dort, wo es hohe Studiengebühren gibt oder auch eine hohe Arbeitslosenquote, verschärfen sich viele Dinge. In Deutschland haben wir sicherlich das Glück, vergleichbar niedrige Studiengebühren zu haben, jedoch spielen gerade beim Hochschulzugang viele weitere Faktoren wie der Aufenthaltsstatus, die Sprachkenntnisse oder auch die Anerkennung der vorherigen Lernleistungen und Abschlüsse eine wichtige Rolle. Erschwerend hinzu kommt außerdem, dass sich gerade geflüchtete Menschen oftmals in sehr prekären Lebenssituationen befinden und beispielsweise neben dem Studium noch Arbeiten müssen oder gleichzeitig versuchen, ihr Deutsch weiter zu verbessern. Um dieser Vielzahl an Lebensrealitäten gerecht zu werden, haben wir ein Studienmodell entwickelt, das unabhängig von Ort und Zeit funktioniert und den Einzelnen im Rahmen seiner Möglichkeiten befähigt, die eigenen Ziele zu erreichen.

In welchen Fachrichtungen bietet Kiron Open Higher Education Kurse an? Ist es möglich, eure Kurse auch berufsbegleitend bzw. in eigenem Tempo zu absolvieren oder ist eine Teilnahme vergleichbar mit einem Vollzeitstudium?

Markus: Wir bieten eine Reihe von »Study Programms« an - in fünf verschiedenen Fachrichtungen. Diese sollen Geflüchtete vor allem bei der Orientierung, beim Hochschulzugang und beim Start ins Studium unterstützen. Zudem haben wir sogenannte »Skill Booster Programs« eingeführt. Diese Programme reichen von Webdesign bis hin zu »Programming with Python« und fokussieren sich vor allem auf die Vermittlung von praxisorientierten, arbeitsmarktrelevanten Kompetenzen.

Unser Studienangebot ist flexibel und kann daher individuell abhängig von der zeitlichen Verfügbarkeit der Studierenden absolviert werden. Den Studierenden steht es frei, wann und wo sie lernen möchten. Durch das Online-Angebot können wir weltweit und zu jeder Zeit Menschen mit kostenfreier Bildung erreichen.

Welche Abschlüsse/Zertifikate kann man erwerben - und werden diese auch an regulären Hochschulen anerkannt? Wie hoch ist die Chance, nach der Teilnahme an eurem Programm tatsächlich von einer regulären Hochschule aufgenommen zu werden?

Markus: Grundsätzlich bieten wir Lernprogramme an, die unseren Studierenden relevante Kompetenzen vermitteln, die ihnen dabei helfen können, sich auf ein Hochschulstudium oder den Einstieg in den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Kiron-Studierende erhalten bei uns ein Zertifikat, wenn sie ein Programm abgeschlossen haben. Alle Studierenden können sich jederzeit für ein Hochschulstudium bewerben, eine Zulassung können wir nicht garantieren, da auch hier individuell jede Bewerbung von der Hochschule geprüft wird.

Es bestehen aber gute Chancen, dass nach Zulassung über Kiron erbrachte Lernleistungen angerechnet werden. Wir haben beispielsweise auch ein digitales »Transfer Guidance Programm« entwickelt, das Studierende bei der Bewerbung und dem Übergang in ein Hochschulstudium unterstützt. Zudem bieten wir auch praxisorientierte Programme beispielsweise im IT-Bereich mit Unterstützung von großen Unternehmen an, bei denen es darum geht, Studierende für den Arbeitsmarkt in einer bestimmten Fachrichtung zu qualifizieren, so dass sie ggf. auch ohne Studium anfangen können zu arbeiten oder sich sogar selbstständig zu machen.

Wie genau sehen die Lernformate aus? Laufen die Kurse vollständig digital ab oder gibt es auch Präsenz-Termine (z.B. für Prüfungen)? Wie ermöglicht ihr den Austausch zwischen den Studierenden untereinander und den Dozent*innen?

Markus: Die Lernprogramme, die wir anbieten und zusammenstellen, bestehen aus »Massive Open Online Courses« (kurz MOOCs) und »Open Educational Resources« (kurz OER’s). Hierbei verwenden wir bestehende Lernformate und Inhalte von renommierten Anbietern und ergänzen diese durch eigens produzierte Lernangebote. In manchen Kursen bieten wir auch eigene Sessions für eine direkte Face-to-Face-Interaktion der Teilnehmenden und eine vertiefende Beschäftigung mit den Lerninhalten an. Wir bieten unsere Lernprogramme für Studierende weltweit an, diese können jederzeit online absolviert werden. In Jordanien und im Libanon arbeiten wir vor allem mit Blended Learning Formaten, der Kombination aus Online- und Offline-Lernangeboten, die zwar ressourcenintensiver sind, dafür aber noch bessere Lernergebnisse versprechen.

Wie werden die Teilnehmenden über die Vermittlung von fachlichen Inhalten hinaus auf eine z.B. deutsche Universität vorbereitet? Bietet ihr auch Unterstützung bei rechtlichen/bürokratischen Hürden oder die Gewöhnung an eine fremde Lern- und Lehrkultur?

Markus: Grundsätzlich möchten wir die Studierenden über unser Angebot weitestgehend bei der Integration in ein neues Gastland unterstützen. Hierbei versuchen wir beispielsweise durch eine starke Online-Community oder Sprachkurse die geflüchteten Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen. Auch das Thema »Lernen lernen« spielt in unserem Kursangebot eine wichtige Rolle.

Über einen niedrigschwelligen Live-Chat können zudem alle Kiron-Studierenden unser Team rund um die Uhr erreichen, egal bei welchen Fragen. Sollten wir selbst einmal nicht die passende Antwort parat haben oder qualitätsgesicherte Leistungen z.B. medizinischer, rechtlicher oder psychologischer Natur gefragt sein, haben wir ein starkes Netzwerk an Partner*innen und Expert*innen, an die wir weitervermitteln können. Unsere inklusive Lernplattform, Kiron Campus und alle Angebote zielen darauf ab, den Studierenden die notwendigen Tools und Fähigkeiten zu vermitteln, damit sie die Hürden, die sie im neuen Gastland erwarten, aus eigener Kraft gut bewältigen können. Hilfe zur Selbsthilfe - das ist unser Verständnis von Empowerment und guter Integration.

Was ist die Entstehungsgeschichte von Kiron Open Higher Education und wer sind die Menschen hinter eurer Organisation?

Markus: Die Idee für Kiron kam im Sommer 2014 auf, als ich Vincent auf einer Konferenz zum Thema Migration und Menschenrechte der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit traf. Wir beide arbeiteten zu dieser Zeit ehrenamtlich mit Geflüchteten zusammen und waren davon begeistert, welche Möglichkeiten digitale Hochschulbildung geflüchteten Menschen, denen bisher oftmals der direkte Zugang zu Hochschulbildung verwehrt blieb, bieten würde. Insbesondere in der psychosozialen Beratung mit Geflüchteten musste ich immer wieder mit Erschrecken feststellen, dass sehr clevere Köpfe, sobald sie nicht als Fachkräfte, sondern als Geflüchtete nach Deutschland gekommen waren, es extrem schwer haben, ihre Bildungsbiographie oder ihre Karriere in unserem Land fortzusetzen. Neben den bereits beschriebenen Barrieren waren es vor allem traumatische Erlebnisse in Kombination mit unmenschlichen bürokratischen Auflagen, die die Menschen erst gar nicht auf die Idee haben kommen lassen, ein Hochschulstudium in Deutschland anzustreben. Ein kostenfreies, digitales Lernangebot ohne jegliche Auflagen, das man von überall und zu seinen eigenen Zeiten wahrnehmen kann, war deshalb eine sehr naheliegende Lösung. Im März 2015 gründeten wir dann gemeinsam mit unserem Mitgründer Christoph Staudt Kiron Open Higher Education.

Für die Studierenden ist euer Angebot kostenlos. Wie finanziert ihr eure Arbeit?

Markus: Angefangen haben wir mit einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext, da uns natürlich erst einmal alle potentiellen Geldgeber die Tür vor der Nase zugeschlagen haben, als wir ihnen erzählten, dass wir als Gruppe ehrenamtlicher Studierender etwas in der Hochschulwelt bewegen möchten - und dann auch noch für Geflüchtete. Fünf Jahre später weist Kiron ein breites Spektrum an internationalen Finanzierungsquellen auf, welche vor allem Finanzierungen von öffentlichen Geldgebern sowie Partnerschaften mit Stiftungen und Unternehmen beinhalten.

Hast du evtl. einen Ratschlag für Menschen, die sich beruflich weiter- oder sogar in eine andere Richtung entwickeln möchten - woran erkenne ich ein gutes Qualifikationsangebot?

Markus: Wenn es um einen beruflichen Neuanfang geht, ist es meiner Meinung nach immer gut, auf das eigene Netzwerk zu bauen und mit Menschen zu reden, die das tun, was man vielleicht machen möchte. Die sozialen Medien helfen da weiter. So kann man erst einmal ein Gespür für die Branche kriegen und erfahren, auf welche Qualifikationen es wirklich ankommt. Online Kurse sind parallel beispielsweise eine gute Möglichkeit, um erste Kompetenzen in einem neuen Berufsfeld zu erlernen und sich weiter zu qualifizieren. Es gibt viele renommierte MOOC-Plattformen wie Coursera, Edx oder Udacity, die qualitative Lerninhalte von Universitäten, Hochschulen und Expert*innen der Branche anbieten. Wenn es vor allem um den NGO- und Sozialen Bereich geht, sind Quereinsteiger*innen sehr willkommen.

Bei Kiron suchen wir beispielsweise immer nach motivierten Menschen, die sich an verschiedene Herausforderungen anpassen können, bereit sind, Neues zu lernen und sich mit dem Team weiterzuentwickeln. Gerade wenn man vorher im Profit-Bereich tätig war, kann man diese Erfahrungen in vielen Rollen sehr gut einbringen und darauf aufbauen.

Du suchst den (Quer-)Einstieg in den Impact Sektor?

Dann findest du in unserem Mitglieder-Bereich eine umfangreiche Übersicht über verschiedenste Weiterbildungsoptionen: Weiterbildungen Nachhaltigkeit: Qualifizierungsangebote für den (Quer-)Einstieg in einen »Impact Job« 

Über Markus Kreßler

Markus Kreßler ist Mitgründer von Kiron Open Higher Education. Zuvor baute er die erste digitale deutsche Ehrenamtsplattform Alltagsheld.org auf. Während seines Studiums der Psychologie an der Universität Mannheim setzte er sich bereits besonders mit sozial-unternehmerischen Fragestellungen sowie digitalen Lösungsansätzen im Bereich Migration auseinander. Markus arbeitete in der strategischen Unternehmensberatung und rief ein Projekt für obdachlose Minderjährige ins Leben. Die psychosoziale Beratung für Geflüchtete bewegte ihn 2015 dazu, Kiron zu gründen. Aktuell unterstützt Markus als Berater und Coach verschiedenen Organisationen rund um das Thema “Digitale Transformation”. Mit der Future Coop entwickelt Markus außerdem gerade ehrenamtlich einen Öko-System Player, mit dem nachhaltige Konsumalternativen für alle Menschen sichtbar und einfach zugänglich werden.

Gesellschaft der Ideen – Wettbewerb für Soziale Innovationen

Mit »Gesellschaft der Ideen« hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) einen mehrstufigen Wettbewerb zur Förderung Sozialer Innovationen ins Leben gerufen. Bürger*innen, Vereine, Verbände, Unternehmen, Stiftungen oder Netzwerke, Städte und Gemeinden sowie Forschende konnten sich am bundesweiten Ideenwettbewerb beteiligen. Im Herbst können Bürger*innen online auf gesellschaft-der-ideen.de einzelne Ideen bewerten und in drei Themenbereichen jeweils ihren Favoriten unterstützen. Die 30 besten Projekte kommen in die nächste Runde und können ihre Idee weiter ausarbeiten und weiter am Wettbewerb teilnehmen. Weitere Informationen unter: gesellschaft-der-ideen.de

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