Female Founders

Vom Selbstversuch zur Gründung des ersten Unverpackt-Ladens Deutschlands: »Es ist noch machbar, dass wir unsere Fehler korrigieren und die nächste Generation nicht darunter leidet.«

Marie Delaperrière’s Zero Waste-Experiment scheiterte beinahe daran, dass es in Deutschland nahezu unmöglich war, Lebensmittel ohne Verpackung einzukaufen. Dieses Problem löste sie schließlich selbst, in dem sie mit »unverpackt - lose, nachhaltig, gut« in Kiel den ersten Unverpackt-Laden Deutschlands eröffnete. Im Interview hat sie ihre Gründungserfahrungen, ihre Vision und einige Nachhaltigkeits-Tipps mit uns geteilt.

Möchtest du kurz etwas über deinen persönlichen Weg erzählen? Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Unverpackt-Laden zu gründen und was war die Motivation dahinter?

Marie Delaperrière: Die Idee des Unverpackt Ladens kam mir bereits 2012, als ich einen Artikel über Bea Johnson und ihre Familie las. Dort wurde darüber berichtet, dass sie mit ihrer Familie drei Jahre ihren Alltag bewältigte, ohne Müll zu produzieren. Von der Idee und ihrer Geschichte war ich stark beeindruckt und dachte »Kann ich das mit meiner 5-köpfigen Familie auch umsetzen?«. Denn gerade bei einer großen Familie fällt auch viel Müll an, insbesondere durch Lebensmittelverpackungen. In einem Selbstversuch stellte ich anschließend fest: In Deutschland ist es nahezu unmöglich, Lebensmittel unverpackt einzukaufen! Damit wollte ich mich nicht abfinden, entwickelte einen Businessplan für den Verkauf unverpackter Waren, erhielt Unterstützung von der Industrie- und Handelskammer Kiel und gründete das erste Geschäft in der Waitzstraße. Getreide, Müsli, Trockenfrüchte, Tee, Gewürze und Süßigkeiten… mit 250 Produkten und wenigen Lieferanten sind wir gestartet. Heute umfasst unser Sortiment über 1.000 Artikel!

Woher bezieht ihr die unverpackten Produkte und gibt es neben der Abwesenheit von Verpackungen weitere Auswahlkriterien, auf die ihr besonders viel Wert legt? Gibt es preisliche Unterschiede im Vergleich zu einem konventionellen Supermarkt?

Marie: Wir beziehen unsere Produkte hauptsächlich von Großlieferanten im Norden, aber auch teilweise direkt von den produzierenden Unternehmen. Wir versuchen, bei der Auswahl unserer Produkte nicht nur auf möglichst große Gebinde (also möglichst viel Produkt und wenig Verpackung) zu achten, sondern auch auf Regionalität, auf Qualität und natürlich versuchen wir, wo es geht, auch auf faire Produktion und Bezahlung entlang der Lieferketten zu achten. Das ist natürlich etwas aufwendiger, aber gerade in dem Bereich der Lieferant*innen ist in den letzten Jahren einiges auf dem Markt passiert und es gibt viel mehr Angebote und Auswahl. Preislich kann man die meisten Produkte mit Produkten im Bio-Lebensmittelladen vergleichen oder mit Bioprodukten in konventionellen Supermärkten, denn unsere Produkte sind zu über 90% aus biologischem Anbau (also nicht nur EU Bio, sondern auch Demeter, Bioland, Naturland).

Im Rahmen der Unverpackt-Akademie bietest du zudem Beratungen und Seminare (on- und offline) an, um angehende Unternehmer*innen bei der Gründung ihres eigenen Unverpackt-Ladens zu unterstützen und Unternehmen bei der Umstellung auf ein unverpacktes Sortiment zu helfen. Worin liegen hier deiner Meinung nach die größten Schwierigkeiten? Warum hat nicht längst jede Supermarktkette auf unverpackte Waren umgestellt?

Marie: Die größte Schwierigkeit sind ganz klar die Strukturen und der Mehraufwand. Die Lieferketten sind etabliert und die Produkte können einfach ohne großen Mehraufwand in die Regale geräumt werden. Wenn nun Großlieferanten die Ware lose liefern würden, müssten die Mitarbeitenden die Spender füllen, nachfüllen, reinigen, trocknen und das Ganze dokumentieren. Dann kommt natürlich dazu, dass der Reinigungsaufwand im Laden deutlich höher wird, da auch mal etwas daneben geht und das ist alles mit höheren Kosten verbunden. Auch fehlt noch vielen Leuten das Bewusstsein für das Problem und dann kommt natürlich auch noch die Gewohnheit und die Gemütlichkeit der Spontaneinkäufe dazu. Diese sind nämlich nicht mehr so gut möglich: Wenn du eine bestimmte Anzahl an Gefäßen dabei hast, überlegst du dir doppelt, was du wirklich brauchst und was nicht.

Fünf Einweggläser nebeneinander, gefüllt mit verschiedenen Cerealien

Ähnlich wie bei anderen Bewegungen (wie z. B. beim Veganismus) scheint auch beim Thema Verpackungsmüll die Ansicht »ganz oder gar nicht« weit verbreitet zu sein: Entweder man lebt komplett plastikfrei oder man gilt als Umweltsünder*in. Die Umstellung auf Zero Waste oder Less Waste mag einigen im stressigen Alltag nicht so leicht fallen und auch haben leider nicht alle Menschen einen Unverpackt-Laden in ihrer Nähe. Hast du ein paar kleine wirkungsvolle Tipps, die jede*r sofort in die Tat umsetzen kann, ohne sofort 100% verpackungsfrei leben zu müssen?

Marie: Wir versuchen unseren Neukund*innen auch immer zu vermitteln, dass es am Anfang wichtig ist, mit kleinen Schritten anzufangen. Besonders bei einem neuen großen Thema wie Zero Waste kann man leicht überwältigt und frustriert werden von den vielen Kleinigkeiten, in denen man auf Müll verzichten kann. Kleine Anfänge sind leicht gemacht mit eigenen Gemüsebeuteln, die man inzwischen auch in fast jedem Supermarkt bekommt. Einfach immer ein paar in die Tasche oder in den Rucksack stecken und dann hat man sie immer dabei. Ein weiterer großer Schritt ist, von Einweg auf Mehrweg umzusteigen – kauf dir eine Mehrwegflasche die du mit Leitungswasser immer wieder auffüllen kannst. Wenn du lieber Sprudel magst, gibt es inzwischen auch schon Mehrwegoptionen direkt mit den passenden Glasflaschen für Zuhause zum Selbstaufsprudeln.

Unterstütze die regionalen Erzeuger*innen in deiner Umgebung, z.B. in Hofläden oder auf Wochenmärkten, die sind meistens gerne dazu bereit, dir auch die Dinge in deinen Behälter abzugeben. Die wichtigste Frage ist immer: Gibt es Alternativen zu den Produkten, die ich sonst kaufe bspw. Mehrweggläser für Joghurt, Milch etc.)? Inzwischen gibt es auch für Drogerieprodukte, wie Deos, Seife und Reinigungsmittel Nachfüllpackungen oder andere plastikfreie Alternativen. Schaue, wo du Einweg vermeiden kannst, bspw. für Kaffee-to-go einfach immer in deinen Mehrwegbecher einpacken, wenn du weißt »Ja, heute hole ich mir bestimmt noch einen Kaffee.«

Vor welchen Herausforderungen standest du bei der Gründung deines eigenen Unternehmens? Glaubst du, du hattest als Frau besondere Hürden zu überwinden?

Marie: Die erste Herausforderung war, das Konzept bekannt zu machen, immerhin war es der erste Laden, der komplett auf Einwegverpackungen verzichtet hat. Die größte Herausforderung war es, mein Umfeld von der Idee zu begeistern, insbesondere die Bank, den Vermieter, die Lieferanten. Noch dazu komme ich überhaupt nicht aus der Lebensmittelbranche und war vorher nie selbständig. Alles in allem war es schon eine große Herausforderung, aber ich bereue nichts und habe bis jetzt sehr viel gelernt und lerne noch. Ich glaube aber nicht, dass ich es als Frau schwieriger hatte.

verschiedene, bunte Gemüsesorten, manche davon in grünen Gemüsenetzen

Was würdest du angehenden Gründerinnen gerne mit auf den Weg geben?

Marie: Ich würde allen empfehlen, einen Businessplan zu schreiben - ich finde, es ist eine sehr gute Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen Vorhaben. Es ist definitiv hilfreich, sich mit der Idee bzw. dem Projekt identifizieren zu können und ggfs. bereit zu sein, viele Stunden zu arbeiten und je nach Idee auch etwas zu bewegen, Geduld zu haben, an seiner Idee dran zu bleiben und zu guter Letzt sollte nicht versucht werden, das Rad neu zu erfinden, sondern nach Kooperationen, Synergien etc. zu suchen.

Auf welche Entscheidung(en) bist du besonders stolz?

Marie: Ich bin besonders Stolz, den Schritt gewagt zu haben, den Laden aufzumachen und trotz der schwierigen Anfangsphase nicht aufgegeben zu haben.

Was bedeutet Female Leadership für dich?

Marie: Female Leadership ist erstmal ein großer Begriff, aber die Bedeutung, die für mich dahinter steckt, ist die gleiche wie die, die Leadership im Allgemeinen haben sollte. Es arbeitet sich besser im Team, also sollte man Verantwortung teilen können und auch klare Verantwortungen abgeben können. Man braucht Verständnis, Einfühlungsvermögen, Standfestigkeit und Kreativität und sollte bereit sein, auch mal seine eigene Einstellung zu den Dingen überdenken zu können. Dass diese Methode erfolgreich sein kann, merkt man, wenn man ein angenehmes Arbeitsklima jeden Tag spüren kann.

Was muss sich deiner Meinung nach in der Wirtschaft und in der Startup-Welt verändern, damit es vor allem weiblichen Entrepreneurinnen leichter gemacht wird, ihr eigenes Business zu gründen?

Marie: Es ist immer wichtig, Vorbilder und Role Models zu haben, mit denen man sich identifizieren kann. Deshalb ist es wichtig, positive Beispiele sichtbar zu machen. Vieles wird einem schon früh vermittelt, bspw. welche Jobs für mich in Frage kommen und wen ich in der Öffentlichkeit sehe. Die Angst vor dem Scheitern zu nehmen und auch Förderungen für Gründer*innen sind deshalb wichtige Themen, die es in der Zukunft anzupacken gilt.

In welche Richtung soll sich dein Unternehmen in den kommenden Jahren weiterentwickeln? Wie sehen die nächsten Schritte dorthin aus?

Marie: Ich denke immer wieder an einen zweiten Standort, aber das ist keine Priorität. Vielleicht irgendwann… Ich möchte mich zunächst auf die Unverpackt Akademie konzentrieren und mein Bildungsangebot erweitern, Publikationen schreiben und vielleicht ein Buch.

Was ist deine Vision für die Zukunft unserer Umwelt und Gesellschaft? Inwiefern siehst du hier deine Verantwortung als Unternehmerin?

Marie: ...Vision oder Hoffnung 😊 Ich möchte an das Gute der Menschheit glauben und an unsere Fähigkeit, rechtzeitig zu reagieren bzw. zu handeln. Ich denke, es ist noch machbar, dass wir unsere Fehler korrigieren und die nächste Generation nicht darunter leidet. Aber dafür brauchen wir einen starken Willen, wirklich etwas ändern zu wollen… Als Unternehmerin sehe ich mich schon verantwortlich, auch wenn ich allein nicht alles tragen kann. Immerhin leiste ich durch den Laden einen kleinen Beitrag.

Marie Delaperrière, die Gründerin von Unverpackt Kiel steht vor dem Schaufenster ihres Ladens
Photo by Sara Alkoud

Über Marie und unverpackt - lose, nachhaltig, gut

Die Idee zur Eröffnung ihres Unverpackt-Ladens kam Marie, nachdem sie Ende 2012 auf einen Artikel über Bea Johnson stieß: Bea hatte es geschafft, drei Jahre lang mit ihrer Familie den Alltag zu bewältigen, ohne Müll zu produzieren. Dieser Artikel beeindruckte Marie stark und sie stellte sich die Frage, ob sie mit ihrer 5-köpfigen Familie etwas in der Art umsetzen könnte, denn nach jedem Einkauf stand sie vor einem Berg von Lebensmittelverpackungen. Schließlich wurde Marie dazu motiviert, einen Laden zu gründen, in dem die Kund*innen verpackungsfrei einkaufen können. Beispiele dafür gab es bereits im Ausland: Ketten wie Biocoop in Frankreich, Unpackaged in London oder einige Supermärkte in den USA und Ozeanien bieten seit langem unverpackte Einkaufsmöglichkeiten an. Marie erweiterte ihre Idee zum Konzept und eröffnete am 01. Februar 2014 in Kiel den ersten Unverpackt-Laden Deutschlands.

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